Die fortlaufende Etablierung von Infrastrukturen für Künstliche Intelligenz (KI) prägt nicht mehr ausschließlich den Aktienmarkt, sondern entfaltet eine signifikante Wirkung auf die festverzinslichen Märkte. Großkonzerne im Technologiesektor, sogenannte „Hyperscaler“, finanzieren ihre expansiven Investitionen verstärkt über Fremdkapital. Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, konstatiert, dass die Entwicklung der KI nicht nur Arbeits- und Lebenswelten transformiert, sondern auch eine fundamentale Umgestaltung der Kapitalmärkte bewirkt.
Die resultierenden Rekordemissionen von US-Technologieunternehmen beeinflussen die Struktur relevanter Kreditindizes nachhaltig. Dies zieht Konsequenzen für passive Anleiheninvestoren nach sich, da sich das Risikoprofil verändert. Eine aktive Titelauswahl gewinnt vor diesem Hintergrund an Bedeutung. Die Notwendigkeit der Finanzierung von KI-Infrastruktur hat die Emissionsaktivität am US-Anleihenmarkt auf ein historisches Niveau befördert. Im laufenden Jahr 2026 belaufen sich die Emissionen der US-Hyperscaler bereits auf rund 200 Milliarden US-Dollar.
Dieser Betrag repräsentiert 15 Prozent aller Brutto-Neuemissionen im US-Investment-Grade-Segment und übersteigt das dreifache Volumen des Durchschnitts der letzten fünf Jahre. Ökonom Tilmann Galler merkte an, dass Technologiekonzerne in ihren jüngsten Quartalsberichten bereits eine weitere Steigerung der Investitionsvolumina für das Jahr 2027 prognostizierten. Diese Entwicklung manifestiert sich marktübergreifend: Aktuell entfallen 18,7 Prozent aller neuen Hochzinsemissionen auf den Technologiesektor. Obwohl der Sektor im gesamten Hochzinsindex mit 8,6 Prozent noch vergleichsweise gering gewichtet ist und unter der 10-Prozent-Gewichtung im Investment-Grade-Index liegt, interpretiert Galler dies als eine strukturelle Folge des KI-Investitionszyklus, deren Dauer an die fortgesetzten Infrastrukturausgaben gekoppelt ist.
Konzentrationsrisiken im Anleihenmarkt
Der Emissionsboom bringt ein Phänomen in den Rentenmarkt, das Anleger primär von den Aktienmärkten kennen: das Konzentrationsrisiko. Im Gegensatz zu Aktienindizes, die nach Marktkapitalisierung gewichtet werden, erfolgt die Gewichtung bei Anleihenindizes basierend auf dem Volumen der ausstehenden Schulden. Kapitalmarktstratege Galler erläutert, dass passive Anlagen in diesem Umfeld zunehmend in Unternehmen mit hohen Schuldenlasten erfolgen, unabhängig von der tatsächlichen Solidität des Geschäftsmodells. Dies impliziert, dass Anleihenindizes letztlich eine höhere Verschuldung 'belohnen', was ein relevantes Konzentrationsrisiko für diversifizierte Portfolios darstellt.
Ein negatives Marktereignis, wie enttäuschendes Umsatzwachstum oder eine Reduzierung der KI-Investitionen, würde die größten Positionen in Anleihen- und Aktienindizes simultan treffen. Da indexgebundene Fonds die Gewichtung ihrer Benchmarks abbilden müssen, könnten erhöhte Risikoaufschläge (Spreads) Umschichtungen auslösen, die eine Abwärtsbewegung verstärken würden. Tilmann Galler weist zudem darauf hin, dass die Fundamentaldaten der Hyperscaler auf den ersten Blick robust erscheinen und Kennzahlen wie das Verhältnis von Schulden zu operativem Gewinn (Debt-to-EBITDA) unbedenklich wirken. Eine detailliertere Analyse offenbart jedoch Risiken, da Investitionen in Rechenzentren oft über Leasingverträge strukturiert wurden. Diese Leasingverbindlichkeiten werden in der Aufbauphase nicht bilanziert, sondern erst bei Nutzungsbeginn.
Strategien zur Risikoreduzierung
Unter Einbeziehung dieser 'versteckten Schulden' relativiert sich die Bonitätslage. Dies korreliert mit dem Anstieg der Prämien für Kreditausfallversicherungen (CDS) der Hyperscaler in den letzten Monaten, wie Galler darlegte. Anleger sehen sich somit der Frage gegenüber, ob die erzielbare Rendite noch eine adäquate Kompensation für das steigende Risiko in den Kreditindizes bietet und ob eine zunehmende Konzentration im Technologiebereich des Gesamtportfolios tragbar ist. Um Konzentrationsrisiken zu mindern, empfiehlt Galler die Ergänzung durch andere Sektoren im Investment-Grade-Markt sowie Anleihen mit kürzeren und mittleren Laufzeiten, um die Sensibilität gegenüber Zinsen und Spreads zu verringern.
- —Ergänzung des Portfolios um Anleihen anderer Sektoren im Investment-Grade-Markt.
- —Einbezug von Anleihen mit kürzeren und mittleren Laufzeiten zur Reduzierung der Zins- und Spread-Sensitivität.
- —Nutzung von verbrieften Krediten (Securitized Credit), deren Erträge aus diversifizierten Sicherheiten-Pools stammen.
- —Implementierung aktiver Anleihenstrategien zur gezielten Reduktion von Konzentrationsrisiken im Technologiebereich.
Des Weiteren stellen verbriefte Kredite eine qualitative Option dar, da ihre Erträge aus unterschiedlichen Sicherheiten-Pools generiert werden und sie somit unabhängig von den KI-Ausgaben der Unternehmen sind. Aktive Anleihenstrategien bieten die Möglichkeit, Konzentrationsrisiken im Technologiesektor gezielt zu reduzieren, da sie im Gegensatz zu passiven Ansätzen nicht zwingend der Benchmark-Gewichtung bei wachsender Verschuldung folgen müssen, sondern das Chance-Risiko-Verhältnis individuell abwägen können, so Galler abschließend.














