Die aktuelle Diskussion über die Herausforderungen bei großen Bauvorhaben konzentriert sich in Deutschland vornehmlich auf Aspekte wie Digitalisierung, Lean Construction und Genehmigungsverfahren. Eine neue wissenschaftliche Veröffentlichung, die „Theorie des rationalen Bauherrn“, identifiziert hingegen die Rolle des Auftraggebers in einer frühen Projektphase als primäre Ursache für das Misslingen vieler Immobilienprojekte. Dieses Fachbuch schlägt damit einen grundlegenden Perspektivwechsel vor, der über die bisherigen Debatten hinausgeht.
Deutschland tätigt derzeit Infrastrukturinvestitionen in einem Umfang, der seit Jahrzehnten nicht mehr erreicht wurde. Öffentliche und private Bauherren werden in den kommenden Jahren Milliardenbeträge für Straßen, Schienen, Energieversorgung, Krankenhäuser, Wohnungsbau und Verteidigung verantworten. Die Beobachtung zeigt jedoch, dass nahezu jedes Großprojekt wiederkehrenden Mustern folgt: Es kommt zu Kostensteigerungen, verzögerten Fertigstellungen und langwierigen Auseinandersetzungen. Die öffentliche Auseinandersetzung konzentriert sich in diesem Zusammenhang häufig auf Bauunternehmen, Lieferkettenprobleme, Genehmigungsprozesse oder den Fachkräftemangel.
Die These der Autoren
Das nun erschienene Werk von Friedrich Prem, Dr. Christoph Pfeiffer und Prof. Dr. Christian Rieck stellt diese gängige Sichtweise infrage. Die Autoren vertreten die These, dass viele Großprojekte nicht auf der Baustelle scheitern, sondern bereits in einer wesentlich früheren Phase. Die entscheidenden Risikofaktoren liegen demnach nicht in der Ausführung selbst, sondern in der Art und Weise, wie Bauherren Projekte organisieren, Verantwortlichkeiten delegieren und Anreizsysteme konzipieren. Die Autoren betonen, dass die größten Risiken häufig dort entstehen, wo Entscheidungen getroffen werden, und nicht erst in der Umsetzungsphase.
Die Publikation kritisiert, dass trotz jahrelanger Diskussionen in Politik und Wirtschaft über Digitalisierung, Lean Construction oder die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren eine wissenschaftlich fundierte Theorie zur Rolle des Bauherrn für den Projekterfolg bislang fehlte. Das Buch zielt darauf ab, diese Lücke zu schließen. Die Autoren kombinieren dabei ihre jahrzehntelange Erfahrung aus komplexen Bau- und Infrastrukturprojekten mit Erkenntnissen aus der Spieltheorie, der Prinzipal-Agenten-Theorie und der Systemtheorie. Diese Verbindung ermöglicht die Entwicklung eines Modells, das erklärt, weshalb selbst technisch hervorragend geplante Projekte scheitern können, wenn Verantwortlichkeiten, Informationsflüsse und Anreizsysteme nicht adäquat ausgestaltet sind.
Fünf Prinzipien für robustere Projekte
Die Autoren identifizieren fünf zentrale Stellschrauben, mittels derer Bauherren Informationsasymmetrien reduzieren, Fehlanreize vermeiden und Projekte robuster steuern können. Ihr Anspruch geht dabei über das Bauwesen hinaus, da die entwickelten Prinzipien auf alle Bereiche anwendbar sein sollen, in denen Organisationen komplexe Investitions- und Veränderungsprojekte verantworten. Angesichts der bevorstehenden umfangreichen Infrastrukturinvestitionen liefert das Buch einen wichtigen Beitrag zur Bauwirtschaft sowie zur aktuellen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Debatte über die Zukunft öffentlicher Investitionen. Die Publikation fordert einen radikalen Perspektivwechsel bei der Betrachtung von Infrastrukturprojekten, um zukünftige Fehlschläge zu minimieren und eine effizientere Realisierung zu ermöglichen.














