Der europäische Markt für Rechenzentren befindet sich in einem Stadium tiefgreifender Transformation. Eine Rekordnachfrage nach digitaler Infrastruktur trifft auf umfangreiche Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) und simultan auf limitierte Stromkapazitäten in den traditionellen Rechenzentrums-Hubs. Diese Konstellation bewirkt eine signifikante Verschiebung der Kriterien für die Standortwahl neuer Anlagen. Dies geht aus dem aktuellen EMEA Data Center Report von JLL hervor.
Die Analyse zeigt, dass Hyperscaler-Projekte, deren Fertigstellung zwischen 2026 und 2028 avisiert ist, durchschnittlich 175 Kilometer von den großen Rechenzentren-Hubs entfernt liegen. Dies steht im Kontrast zu Projekten, die von 2022 bis 2025 realisiert wurden und deren durchschnittliche Distanz lediglich 46 Kilometer betrug. Martina Williams, Head of Work Dynamics EMEA bei JLL, hebt hervor, dass sich die Planungslogik grundlegend gewandelt hat. Während Betreiber historisch die Nähe zu Bevölkerungszentren suchten, sei für die wachsende KI-Trainingsinfrastruktur die Sicherstellung ausreichender Stromkapazitäten zum entscheidenden Faktor geworden, wichtiger als die reine Nähe zur Nachfrage.
Wachstum der Greenfield-Entwicklungen
Die Zusammensetzung des europäischen Angebots verschiebt sich zudem von industriell geprägten Arealen hin zu sogenannten Greenfield-Standorten. Zwischen 2022 und 2025 wurden fast 80 Prozent der neu geschaffenen Kapazitäten auf bestehenden Industrieflächen oder am urbanen Rand realisiert. Für die Pipeline der Jahre 2026 bis 2028 machen Greenfield-Standorte bereits 39 Prozent aus, was einem nahezu fünffachen Anstieg entspricht. Die vier größten Hyperscale-Cloud-Anbieter weltweit planen für 2026 Investitionen von voraussichtlich 725 Milliarden US-Dollar, eine Steigerung von 77 Prozent gegenüber den 410 Milliarden US-Dollar des Jahres 2025. Ein Großteil dieser Mittel fließt in KI-Computing und die zugehörige Rechenzentrumsinfrastruktur. Der deutsche Markt gewinnt dabei strategisch an Bedeutung; so hat AWS im Januar 2026 seine European Sovereign Cloud in Brandenburg mit einem Investment von 7,8 Milliarden Euro eröffnet.
Innerhalb Kontinentaleuropas bleibt Frankfurt mit einer installierten Leistung von 970 Megawatt (MW) der größte Rechenzentrumsmarkt. Paris folgt mit 614 MW, Amsterdam mit 611 MW und Mailand mit 230 MW. Europaweit liegt London mit 1.277 MW an der Spitze. Frankfurt verfügt jedoch über die größte europäische Pipeline mit 311 MW im Bau und weiteren 687 MW in Planung. Die Realisierungszeiten werden jedoch durch die Notwendigkeit von Netzanschlüssen und langwierigen Planungsentscheidungen erheblich verlängert; Netzbetreiber prognostizieren Kapazitäten für aktuelle Anträge erst ab Mitte der 2030er Jahre. Die Auslastung in Frankfurt hat sich mit einer Leerstandsquote von lediglich 3,1 Prozent weiter zugespitzt, was weniger als die Hälfte des Durchschnitts der fünf größten Rechenzentrumsmärkte (FLAP-D) darstellt. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 36 MW neue Kapazitäten in Betrieb genommen, nach einem Rekordjahr 2025 mit 128 MW.
Berlin als Ausweichstandort und die Rolle dezentraler Lagen
Berlin hat sich als attraktiver Alternativstandort etabliert. Die Kapazität ist auf 148 MW angewachsen, und mit einer Leerstandsquote von nur 0,9 Prozent gilt der Markt als nahezu vollständig ausgelastet. Die Pipeline in Berlin hat sich erheblich erweitert: 143 MW befinden sich im Bau, und weitere 379 MW sind geplant, darunter große netzgebundene Campus-Projekte wie der Virtus-Standort in Wustermark. Frank Weber, Senior Director Client Solutions Datacenter & New Energies bei JLL Germany, sieht hierin eine Chance für dezentrale Standorte in Deutschland. Er weist darauf hin, dass Nord- und Ostdeutschland massive Stromüberschüsse produzieren, die oft ungenutzt bleiben. Diese Situation biete der Rechenzentrumsbranche eine immens vorteilhafte Ausgangslage.
Weber betont, dass die oftmals angeführte mangelnde Konnektivität an Bedeutung verliere, da Latenzunterschiede zwischen Frankfurt und beispielsweise Schleswig-Holstein im einstelligen Millisekundenbereich liegen und für die meisten Anwendungen irrelevant seien. Moderne Cloud-Architekturen seien für geografische Verteilung konzipiert. Ein Rechenzentrum in Norddeutschland, teilweise direkt von Windkraft gespeist, besitze eine deutlich verbesserte Klimabilanz. Letztlich werden der Zugang zum Stromnetz und die lokale Akzeptanz über die Realisierung von Projekten entscheiden. Entwickler, die Gemeinden frühzeitig in Planungsprozesse einbinden, würden schneller vorankommen. Der Zugang zu Energie wird demzufolge zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil für Entwickler, Investoren und Regionen, die KI-Infrastruktur anziehen möchten.














