Ein Jahr nach dem Amtsantritt der aktuellen Bundesregierung zieht die Immobilienwirtschaft eine ernüchternde Bilanz. Obwohl zahlreiche Initiativen angekündigt wurden, bleibt die tatsächliche Wirkung angesichts der aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Herausforderungen nach Einschätzung der Branche begrenzt. Die anfängliche Erwartungshaltung einer grundlegenden Reformdynamik konnte bislang nicht erfüllt werden.
Iris Schöberl, Präsidentin des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA), kommentierte diese Entwicklungen im Hinblick auf den bevorstehenden Tag der Immobilienwirtschaft (TDI) 2026 in Berlin. Sie konstatierte, dass der politische Anspruch zwar hoch und die Reformrhetorik ambitioniert sei, in der Realität jedoch nur ein schleppender Fortschritt zu verzeichnen sei. Für die Immobilienwirtschaft sei nicht die Anzahl der Beschlüsse und Gesetze entscheidend, sondern deren konkrete Wirkung. Hier liege ein erhebliches Defizit, da die gewünschten Effekte noch nicht sichtbar seien.
Die ursprüngliche Aufbruchsstimmung, die vor einem Jahr spürbar war und trotz der Herausforderungen von Reformen bestand, konnte nach Ansicht der ZIA nicht genutzt werden. Statt der Implementierung klarer Strukturreformen dominierten kleinteilige Maßnahmen, während zentrale Weichenstellungen weiterhin ausblieben. Dies führe zu einem zu zögerlichen, kleinteiligen und inkonsequenten Vorgehen in Schlüsselbereichen wie den Energiepreisen, der Staatsmodernisierung und dem Bürokratieabbau.
Kritikpunkte der Immobilienwirtschaft an der aktuellen Politik
- —Kontinuierlich zunehmende Bürokratielasten anstelle eines konsequenten Abbaus.
- —Mangelnde Planungssicherheit für notwendige Investitionen.
- —Verzögerungen bei der Staatsmodernisierung und der Digitalisierung.
- —Unzureichender Fokus auf wirtschaftliches Wachstum und private Investitionen.
Wohnungsbau als zentrales Handlungsfeld
Ein besonders dringender Handlungsbedarf wird von Iris Schöberl im Bereich des Wohnungsbaus gesehen. Hier könnten verlässliche Rahmenbedingungen, die Vereinfachung von Verfahren und eine investitionsfreundliche Förderkulisse eine deutliche Beschleunigung bewirken. Sie hob hervor, dass internationale Investoren eine erhebliche Chance für den Standort Deutschland darstellen. Diese suchten stabile, verlässliche Standorte mit attraktiven Renditeperspektiven. Daher sei es essenziell, private Investitionen gezielt anzureizen, um hohe Hebelwirkungen zu erzielen. Investitionen entstünden nicht aus Wohlwollen, sondern aus überzeugenden wirtschaftlichen Perspektiven.
Ein weiterer Aspekt der Kritik betrifft die europäische Ebene. Schöberl äußerte die Warnung vor einem schleichenden Bedeutungsverlust Europas im globalen Kontext, da es Gefahr laufe, zwischen den Großmächten USA und China zerrieben zu werden. Deutschland könne seine Interessen nur in einem starken und wettbewerbsfähigen Europa durchsetzen. Dies erfordere den Mut zu klaren Prioritäten und eine eindeutige wirtschaftspolitische Linie. Das Problem liege nicht in der Regulierung Europas, sondern darin, dass Wettbewerbsfähigkeit, Kapitalallokation und Umsetzbarkeit nicht ausreichend berücksichtigt würden. Dies führe in Summe zu weniger Investitionen, weniger Wachstum und einer strukturellen Schwächung wichtiger Industrien.




