Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat ihr Zertifizierungssystem für Neubauten umfassend weiterentwickelt. Unter dem Titel „Version 2023.2“ wurden sämtliche Indikatoren und Nachweisverfahren kritisch überprüft und optimiert. Ziel der Überarbeitung war es, die Dokumentationsaufwände zu reduzieren und den Fokus stärker auf Kriterien mit dem größten Beitrag zur Nachhaltigkeitsqualität zu legen. Diese Anpassung soll zudem einen vereinfachten Zugang zur Zertifizierung ermöglichen.
Die Notwendigkeit dieser Überarbeitung ergab sich aus einem veränderten Kontext in der Bau- und Immobilienbranche. Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB, führte aus, dass die Version 2023 des Zertifizierungssystems aufgrund erhöhter Dokumentationsanforderungen nicht optimal in die Bauprozesse integriert werden konnte. Dies resultierte aus einer Abnahme des anfänglichen Enthusiasmus für Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Die nun vorliegende Version 2023.2 ist das Ergebnis eines intensiven, praxisnahen Beteiligungsprozesses, in den zahlreiche erfahrene DGNB Auditoren eingebunden waren.
Fokus auf Aufwand und Wirkung
Im Rahmen des Überarbeitungsprozesses wurden individuelle Indikatoren hinsichtlich des Aufwands zur Nachweisführung und ihrer Nachhaltigkeitswirkung bewertet. Es wurde geprüft, ob bereits für andere regulatorische Zwecke benötigte Dokumente genutzt werden können, um den Prozess zu vereinfachen. Zudem wurde die Möglichkeit eines einfacheren Einstiegs für Projekte mit geringeren Budgets, die ein Silber-Zertifikat anstreben, evaluiert. Mehr als 400 Kommentare flossen aus einer Konsultationsphase ein, und die angepassten Kriterien wurden an über 20 realen Projekten unterschiedlicher Nutzungstypen getestet. Das Ergebnis ist ein fokussierteres Zertifizierungssystem, welches die Aufwände spürbar reduziert, ohne das angestrebte Nachhaltigkeitsniveau zu mindern.
Die Testprojekte zeigten im Mittel eine vergleichbare Gesamtbewertung bei einer Aufwandsreduktion von mindestens zehn Prozent. Für Gebäude, die eine DGNB Silber-Zertifizierung anstreben, fällt diese Reduktion noch größer aus. Dies ermöglicht es, bei gleichem Ambitionsniveau mit geringerem Zeit- und Kostenaufwand ähnliche Resultate zu erzielen, wodurch Ressourcen direkt in die Nachhaltigkeitsqualität der Projekte investiert werden können. Dr. Anna Braune, Abteilungsleiterin Forschung und Entwicklung bei der DGNB, bestätigte positive Rückmeldungen aus der Testphase, die von einer Entlastung und einer echten Aufwandsreduktion sprachen. Die Verschlankung und bessere Lesbarkeit der Anforderungen wurden als klarer Fortschritt bewertet, wobei das Gesamtbild der nachhaltigen Qualitäten erhalten bleibt.
Konkrete Anpassungen und Vereinfachungen
Der Umfang der Zertifizierung wurde nicht primär durch eine Reduzierung der Anzahl der Kriterien (von 29 auf 28) verringert, sondern durch eine signifikante Reduzierung der Indikatoren um 20 Prozent. Einige Mindestanforderungen wurden im Hinblick auf ihre Praxistauglichkeit neu formuliert, um Projekte nicht aufgrund von Details auszuschließen. Die Kompatibilität mit relevanten Instrumenten wie der EU-Taxonomie oder dem Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) bleibt bestehen. Dr. Braune hebt hervor, dass in nahezu allen Kriterien ein einfacherer Einstieg durch die stärkere Nutzung von Dokumenten ermöglicht wurde, die ohnehin aus zivilrechtlicher Sicht gefordert sind; dies betrifft 30 Prozent aller benötigten Nachweisdokumente.
Konkrete Vereinfachungen umfassen das Kriterium „Zirkuläres Bauen“, wo ein neuer Zirkularitäts-Check als Einstiegstool eingeführt wurde. Das Kriterium „Sicherung der Nachhaltigkeitsaspekte in Ausschreibung und Vergabe“ wurde aufgelöst, und die Kriterienmatrix zur Qualitätssicherung bei der Schadstoffbewertung um ein Viertel reduziert. Für Prüfungen gemäß QNG-Plus oder der EU-Taxonomie ist nun eine Pauschalbewertung möglich. Auch bei den soziokulturellen Kriterien wurde der Aufwand reduziert, indem Nachweise zur Zugluftfreiheit und Luftfeuchte entfallen. Das Kriterium „Klimaresilienz“ wurde hingegen aufgrund seiner Relevanz für die Zukunftsfähigkeit von Gebäuden aufgewertet. Die Mindestanforderungen der Version 2023.2 konzentrieren sich neben der Einhaltung von Grenzwerten der Innenraumluftqualität auf die Berechnung der Ökobilanz und bei Nutzung fossiler Energieträger auf einen Ausstiegsplan. Zusätzlich ist die Durchführung einer Klimagefahrenanalyse verpflichtend.




