Die globale Wirtschaft präsentiert sich stabil, ungeachtet der aktuellen Konfliktlagen im Mittleren Osten und der damit verbundenen Auswirkungen auf Energiepreise. Dies steht im Kontrast zur Entwicklung des privaten Konsums, der sich unter Druck befindet. Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, weist auf ein moderat steigendes Inflationsrisiko hin, das sich aus der Fiskaldominanz ergibt. Ein Inflationsschock, wie in den Jahren 2021 und 2022, wird jedoch nicht prognostiziert. Galler äußerte sich dazu am Rande der Vorstellung des „Guide to the Markets“ für das dritte Quartal 2026.
Trotz der geopolitischen Unsicherheiten wird aufgrund des intakten Gewinnwachstums der Unternehmen weiteres Aufwärtspotenzial für die Aktienmärkte erwartet. Hohe Liquiditätsbestände stellen nach Einschätzung Gallers in diesem Umfeld keine sinnvolle Anlagestrategie dar. Das verarbeitende Gewerbe trägt maßgeblich zur wirtschaftlichen Robustheit bei. Gleichzeitig sind die Konsequenzen des iranischen Konflikts deutlicher im privaten Konsum spürbar.
Ungleichheit und Inflationstendenzen
Galler erläuterte, die gestiegenen Energiekosten hätten den Privathaushalten in den letzten Monaten weniger finanzielle Spielräume für den übrigen Konsum gelassen. In den USA sei eine Kluft zwischen real verfügbarem Einkommen und realen Verbraucherausgaben entstanden. Diese Ungleichheit äußert sich darin, dass vermögendere Haushalte einen starken Vermögenszuwachs verzeichneten und expansiv konsumierten, während einkommensschwächere Haushalte Einschränkungen hinnehmen mussten.
Diese Disparität birgt eine politische Komponente, da sie zu Unzufriedenheit in breiteren Bevölkerungsschichten führen kann. Angesichts der bevorstehenden Mid-Terms-Wahlen könnten in den USA Maßnahmen zur Dämpfung von Preissteigerungen, insbesondere für Haushalte mit geringerem Einkommen, umgesetzt werden. Die bereits expansiven Staatsausgaben, die durch den Irankonflikt noch verstärkt wurden, stützen die Wirtschaft, erhöhen jedoch gleichzeitig die Inflationsrisiken.
Die aktuelle Risikobewertung unterscheidet sich signifikant von der Situation vor einigen Jahren. Obwohl Einkaufsmanagerindizes und Einkaufspreise steigen, sei die Ausgangslage anders als während des Inflationsschocks der Jahre 2021 und 2022. Damals war der Arbeitsmarkt von hoher Nachfrage gekennzeichnet, während er heute tendenziell schwächer wird. Diese veränderte Inflationsdynamik ermöglicht den Zentralbanken eine weniger restriktive Zinspolitik. Für die Europäische Zentralbank (EZB) sieht Galler aktuell wenige Gründe für einen weiteren Zinsschritt nach oben.
Technologie und Marktselektivität
Ein wesentlicher Wachstumstreiber ist der Investitionsboom im Technologiesektor, insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI). Galler hob hervor, dass die KI-Investitionen das Ausmaß früherer Technologiezyklen, wie bei Personal Computern oder dem Internet, übertreffen. Das Wachstum ist innerhalb der Sektoren ungleich verteilt. Kommunikations- und Computerausrüstung sowie Halbleiter verzeichnen eine überdurchschnittliche Entwicklung.
Sektoren wie Software und Medien könnten von Disruption betroffen sein, da große Modell-Anbieter dort Übernahmen vornehmen könnten. Die Effizienzgewinne durch KI sind eine zentrale Frage. Erste Tendenzen zur Rationalisierung sind bereits erkennbar, beispielhaft im Finanzsektor, wo die Beschäftigungszahlen rückläufig sind. Die Gewinndynamik bei KI-Unternehmen kann erheblich sein.
- —Die Stärke des Technologiesektors ist nicht mehr rein amerikanisch; Schwellenländer, insbesondere China, entwickeln eigene Ökosysteme.
- —Europa liegt mit einer KI-Gewichtung von unter 15 Prozent des Gesamtindex noch deutlich zurück.
- —In den USA und Emerging Markets entfällt bereits rund die Hälfte der Indexgewichtung auf das Thema KI.
- —Die Verteilung des KI-Kuchens bleibt indes ungewiss, was sich in den Märkten widerspiegelt – die Korrelation innerhalb großer Hyperscaler hat abgenommen.
Für die Aktienmärkte wird weiterhin Potenzial gesehen, sofern das Gewinnwachstum, welches in den USA bei einer Erwartung von 25 Prozent und in den Schwellenländern aufgrund von Tech-Unternehmen darüber liegt, intakt bleibt. Anleihen dienen zur Absicherung, während hohe Cash-Bestände keine Alternative darstellen.




