Nach einer Inflationsrate im Euroraum, die im Mai 3,2 % erreichte, hat die Europäische Zentralbank (EZB) Mitte Juni den Hauptrefinanzierungssatz um 25 Basispunkte auf 2,25 % erhöht. Diese Maßnahme erfolgte als Reaktion auf den Inflationsschub, der maßgeblich durch die Folgen des Iran-Konflikts beeinflusst wurde. Im Juni schwächte sich die Inflation im Euroraum auf vorläufig 2,8 % ab, wobei Deutschland eine Rate von 2,3 % verzeichnete.
Ökonomen weisen darauf hin, dass der bis Anfang Juli befristete deutsche Tankrabatt die nationale Inflation gedämpft hat und dessen Auslaufen im Juli einen erneuten Anstieg erwarten lässt. Aktuell führt die Eskalation des Konflikts um die Straße von Hormus zu einer weiteren Verunsicherung an den Anleihemärkten, was sich in steigenden Renditen für Bundesanleihen manifestiert.
EZB-Kurs und die Rolle der Kerninflation
Marco Schöfl, Director Sales der Qualitypool GmbH, kommentierte die erstmalige Zinserhöhung der EZB seit drei Jahren als einen klaren Schritt. Er sieht zwei wesentliche Gründe hierfür: Einerseits könnte die Notenbank den Eindruck haben, in der jüngsten Inflationskrise zu zögerlich agiert zu haben und strebt nun ein proaktiveres Vorgehen an. Andererseits trifft der Ölpreisschock Europa, auch im Hinblick auf potenzielle Lieferkettenrisiken, härter als die USA. EZB-Präsidentin Christine Lagarde begründete die Entscheidung mit einem Anstieg der Kerninflation von 2,2 auf 2,5 % sowie stärker als erwarteten Dienstleistungspreisen. Die EZB passte ihre Wachstumsprognose für den Euroraum für 2026 lediglich leicht von 0,9 auf 0,8 % an.
Die nächste Sitzung der Europäischen Notenbank ist für den 23. und 24. Juli angesetzt. Marktbeobachter gehen von mindestens einem weiteren Zinsschritt um 25 Basispunkte bis zum Jahresende aus, wobei dieser voraussichtlich erst nach der Sommerpause erfolgen wird. Schöfl betont, dass das Ausmaß von Zweitrundeneffekten des Energiepreisschocks in den kommenden Monaten entscheidend für einen weiteren Zinsschritt sein wird. Die jüngst gesunkenen Inflationsraten im Euroraum und in Deutschland hatten den Druck auf die Notenbank vorübergehend gemindert. Nun werden die Entwicklungen im Konflikt maßgeblich die Zinspolitik beeinflussen.
US-Geldpolitik und Baufinanzierungszinsen
In den Vereinigten Staaten verbleibt die Federal Reserve (Fed) in ihrer Geldpolitik noch in einer abwartenden Position. Im Juni beließ die Fed den Leitzins zum vierten Mal in Folge unverändert bei 3,50 bis 3,75 %. Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh hat bisher auf eine spezifische Zinsprognose verzichtet und pflegt einen zurückhaltenderen Kommunikationsstil. Der unerwartet schwächere Arbeitsmarktbericht für Juni, mit nur 57.000 neu geschaffenen Stellen, hat die Erwartungen bezüglich einer Zinserhöhung gedämpft. Marco Schöfl merkt an, dass innerhalb der Fed kein einheitlicher Kurs erkennbar ist: Ein Teil des Komitees sieht die Inflation weiterhin als zu hoch an, während ein anderer auf die Abkühlung des Arbeitsmarktes verweist, was die US-Geldpolitik vorerst in der Schwebe hält.
Die Bestzinsen für 10-jährige Baufinanzierungen liegen derzeit in einem Bereich von 3,4 bis 3,6 %, während 15-jährige Zinsbindungen bei etwa 3,6 bis 3,8 % notieren. Schöfl beschreibt die Bauzinsen als seit Monaten in einem engen Korridor. Der Rückgang der Ölpreise und die nachlassende Inflation hatten zuletzt eine beruhigende Wirkung auf die Kapitalmärkte. Diese Situation ermöglichte eine vergleichsweise gute Planbarkeit für Finanzierungskunden. Sollte sich der Konflikt zwischen den USA und dem Iran länger fortsetzen als erwartet, könnte dies zu deutlicheren Bewegungen sowohl auf den Anleihemärkten als auch im Zinsmarkt führen.
- —Kurzfristig wird eine seitwärts gerichtete Tendenz erwartet.
- —Langfristig ist ein weiterer EZB-Zinsschritt bis Jahresende wahrscheinlich, dessen Umsetzung jedoch stark vom Verlauf der Energiepreise und möglichen Zweitrundeneffekten abhängt.
- —In den USA bleibt der geldpolitische Kurs vorerst offen und abwartend.




