Nach einer etwa zwanzigjährigen Phase der Outperformance des US-amerikanischen Aktienmarktes wird eine umfassende Neubewertung bisheriger Anlageannahmen seitens Investoren als notwendig erachtet. Ronald Temple, Chief Market Strategist bei Lazard, formuliert, die vormalige Vorstellung eines "American Exceptionalism" sei in den globalen Aktienmärkten ein prägendes Investitionsthema gewesen; die zugrundeliegenden Triebfedern dieser Entwicklung seien jedoch gegenwärtig weniger eindeutig als in früheren Jahren.
Dies impliziert nicht eine generelle Abkehr von US-Aktien, da die Vereinigten Staaten weiterhin als Markt mit erheblicher Innovationskraft, hoher Kapitalproduktivität und führenden Unternehmen gelten. Allerdings sprechen mehrere Faktoren für eine kritischere Betrachtung der US-Gewichtungen in Portfolios. Dazu zählen hohe Bewertungen, eine ausgeprägte Marktkonzentration, ein tendenziell schwächerer US-Dollar sowie zunehmende Bedenken hinsichtlich der Nachhaltigkeit des KI-Investitionsbooms. Temple betont, dass es nicht um eine Abschreibung des US-Marktes geht, sondern darum, Portfolios nach Jahren extremer US-Dominanz breiter aufzustellen.
Konzentration in Portfolios und Währungseinflüsse
Ein wesentlicher Punkt ist die hohe Konzentration globaler Portfolios. US-Aktien machen derzeit über 60 Prozent des MSCI All Country World Index aus, was internationale Investoren in vielen Fällen stärker vom US-Markt abhängig macht, als ihnen bewusst sein mag. Die Zurückhaltung, US-Aktienpositionen zu reduzieren, resultiert oft aus der Sorge, weitere KI-getriebene Kursgewinne zu verpassen. Temple erkennt diese Sorge als nachvollziehbar an, mahnt jedoch, dass sie Anleger nicht davon abhalten sollte, die Risiken einer zu einseitigen Allokation zu analysieren.
Zusätzlich beeinflusst der US-Dollar die Attraktivität von US-Anlagen. Nach deutlicher Aufwertung in den Jahren 2021 und 2022 hat die US-Währung bereits einen signifikanten Teil dieser Gewinne wieder abgegeben. Eine weitere Schwächung wird für die kommenden Jahre erwartet, was für europäische Investoren relevant ist. Ein schwächerer Dollar belastet die in Euro gerechneten Renditen von US-Anlagen und kann gleichzeitig Nicht-US-Anlagen relativ attraktiver erscheinen lassen.
KI-Boom: Technologischer Fortschritt versus ökonomische Realität
Der aktuelle KI-Boom agiert als bedeutender Treiber der US-Märkte, erfordert jedoch zunehmend eine ökonomische Rechtfertigung der hohen Erwartungen. Die Investitionsausgaben großer US-Hyperscaler werden im Jahr 2026 voraussichtlich über 750 Milliarden US-Dollar erreichen, was einem Anstieg von über 80 Prozent im Vergleich zu 2025 entspricht. Zwischen 2026 und 2030 könnten sich die kumulierten KI-Investitionen auf fünf bis zehn Billionen US-Dollar belaufen. Technologisch ist die Relevanz von KI unbestreitbar; aus Anlegersicht ist jedoch entscheidend, ob diese enormen Investitionen attraktive Kapitalrenditen für Aktionäre generieren können. Temple merkt an, dass der Fahrplan zu überzeugenden Renditen auf das eingesetzte Kapital bei nicht allen Unternehmen klar genug sei. Es bestehe das Risiko, dass KI-Anwendungen mit der Zeit zu standardisierter Infrastruktur werden, wodurch günstigere Anbieter Marktanteile gewinnen könnten, ohne die Investitionen der heutigen Marktführer tragen zu müssen.
US-Unternehmen erzielen im internationalen Vergleich weiterhin hohe Kapitalrenditen, was einen Bewertungsaufschlag prinzipiell rechtfertigt. Dieser ist jedoch anspruchsvoll, zumal sich die relativen Renditen anderer Märkte zuletzt verbessert haben. Insbesondere bei hohen Bewertungen sind Unternehmen nicht nur gehalten, gut positioniert zu sein, sondern auch die sehr hohen Gewinnerwartungen zu erfüllen. Bleibt die Gewinnentwicklung hinter diesen Erwartungen zurück oder wirken sich höhere Zinsen ungünstig auf die Multiplikatoren aus, könnte die Anfälligkeit des US-Marktes steigen. Temple betont, dass US-Aktien weiterhin attraktiv sind, jedoch nicht risikolos. Dies impliziert für Anleger, dass die starke Gewichtung von US-Aktien in vielen Portfolios nach der langen Phase überdurchschnittlicher Wertentwicklung nicht unreflektiert fortgeschrieben werden sollte. Eine stärkere Diversifikation in Regionen und Marktsegmente mit günstigeren Bewertungen und breiteren Renditetreibern kann nach einer solchen Phase vorteilhaft sein.
Die US-Wirtschaft erscheint auf den ersten Blick robust, ist bei genauerer Betrachtung jedoch anfälliger. Der Arbeitsmarkt hat sich zwar stabilisiert, doch Unternehmen zeigen sich bei Neueinstellungen zurückhaltend. Erwartungen hinsichtlich KI-getriebener Automatisierung und zollbedingte Kostenunsicherheit beeinträchtigen die Einstellungsbereitschaft. Zudem wird die sogenannte „K-förmige Wirtschaft“ an Bedeutung gewinnen, bei der vermögendere Haushalte von hohen Aktien- und Immobilienkursen profitieren, während einkommensschwächere Haushalte unter Inflation, schwächerem Reallohnwachstum und begrenzten Ersparnissen leiden. Ende 2025 betrug das Nettovermögen der US-Haushalte insgesamt 175 Billionen US-Dollar, wobei die untere Hälfte nur etwa 2,5 Prozent des Gesamtvermögens hielt, während das oberste Prozent 31,9 Prozent kontrollierte. Solange Vermögenspreise hoch bleiben, kann das US-Wachstum solide erscheinen. Die Qualität dieses Wachstums ist jedoch anfälliger, wenn es zunehmend von einem kleineren Teil der Haushalte getragen wird. Die US-Wirtschaft ist nicht schwach, ihre Widerstandsfähigkeit beruht jedoch auf einer schmaleren Basis, als aggregierte Daten vermuten ließen.




