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Hauskauf ohne Eigenkapital – Geht das?

Ein Hauskauf ohne Eigenkapital ist in Deutschland herausfordernd, aber unter bestimmten Umständen umsetzbar. Dieser Ratgeber beleuchtet die Möglichkeiten und Risiken.

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Hauskauf ohne Eigenkapital – Geht das?

Der Traum vom Eigenheim ist für viele Menschen in Deutschland fest verankert. Doch die steigenden Immobilienpreise und Baukosten stellen viele vor die Frage, wie dieser Traum ohne ausreichendes Eigenkapital realisiert werden kann. Die landläufige Meinung besagt, dass ein beträchtlicher Anteil Eigenkapital für den Hauskauf unerlässlich ist. Doch ist dem wirklich so? Oder gibt es Wege, eine Immobilie auch ohne oder mit sehr wenig Eigenkapital zu finanzieren? Dieser umfassende Ratgeber beleuchtet die verschiedenen Aspekte einer Vollfinanzierung beziehungsweise einer 110-Prozent-Finanzierung, erläutert die damit verbundenen Vor- und Nachteile sowie die Voraussetzungen, die potenzielle Käufer erfüllen müssen. Wir geben Ihnen einen realistischen Überblick über die Machbarkeit und die damit verbundenen Risiken, um Ihnen eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu bieten.

Was bedeutet "Hauskauf ohne Eigenkapital"?

Wenn von einem Hauskauf ohne Eigenkapital die Rede ist, sind in der Regel zwei Szenarien gemeint: die 100-Prozent-Finanzierung und die 110-Prozent-Finanzierung. Bei einer 100-Prozent-Finanzierung wird der reine Kaufpreis der Immobilie durch ein Darlehen abgedeckt. Die sogenannten Kaufnebenkosten müssen in diesem Fall vom Käufer selbst getragen werden. Diese Nebenkosten können jedoch einen erheblichen Anteil der Gesamtkosten ausmachen und sind nicht zu unterschätzen.

Noch umfassender ist die 110-Prozent-Finanzierung. Hierbei wird nicht nur der Kaufpreis vollständig finanziert, sondern auch die anfallenden Kaufnebenkosten werden in das Darlehen integriert. Dies bedeutet, dass der Käufer im Idealfall überhaupt kein eigenes Geld für den Erwerb der Immobilie aufbringen muss. Eine solche Vollfinanzierung ist für den Kreditgeber mit einem höheren Risiko verbunden, da der Darlehensbetrag den tatsächlichen Wert der Immobilie zum Zeitpunkt des Kaufs übersteigt. Aus diesem Grund stellen Banken und andere Kreditinstitute hierfür strengere Anforderungen an die Bonität des Kreditnehmers.

Die Zusammensetzung der Kaufnebenkosten

Die Kaufnebenkosten sind ein wesentlicher Bestandteil jeder Immobilienfinanzierung und werden oft unterschätzt. Sie setzen sich aus verschiedenen Posten zusammen und können je nach Bundesland und Kaufpreis der Immobilie einen nicht unerheblichen Betrag ausmachen, meist zwischen 9 und 15 Prozent des Kaufpreises. Diese Kosten müssen in der Regel direkt beim Notartermin oder kurz danach beglichen werden und können nicht gestundet werden. Daher ist es wichtig, diese Ausgaben von Anfang an fest in die Finanzierungsplanung miteinzubeziehen.

  • Grunderwerbsteuer: Dies ist der größte Posten der Kaufnebenkosten und variiert je nach Bundesland zwischen 3,5 und 6,5 Prozent des Kaufpreises. Sie ist einmalig beim Erwerb einer Immobilie fällig.
  • Notar- und Gerichtskosten: Für die Beurkundung des Kaufvertrages und die Eintragung in das Grundbuch fallen Notar- und Gerichtskosten an. Diese liegen in der Regel bei etwa 1,5 bis 2 Prozent des Kaufpreises.
  • Maklerprovision: Wird die Immobilie über einen Makler vermittelt, fällt eine Maklerprovision an. Diese kann je nach Bundesland und Vereinbarung bis zu 7,14 Prozent des Kaufpreises betragen (inklusive Mehrwertsteuer).
  • Wertgutachten: Bei einer Vollfinanzierung verlangen Banken oft ein detailliertes Wertgutachten, um den Beleihungswert der Immobilie zu ermitteln. Die Kosten hierfür können mehrere hundert bis tausend Euro betragen.

Voraussetzungen für eine Vollfinanzierung

Eine Vollfinanzierung ist für Kreditinstitute ein höheres Risiko, da kein Eigenkapital als Sicherheit vorhanden ist und der Kredit die vollständigen Kosten des Immobilienerwerbs deckt. Daher werden in der Regel strengere Anforderungen an den Kreditnehmer gestellt. Die Bank möchte sicherstellen, dass das Darlehen auch unter schwierigen Umständen bedient werden kann. Eine tadellose Bonität ist hierbei der Schlüssel zum Erfolg.

  • Hohes und sicheres Einkommen: Der Kreditnehmer muss über ein dauerhaft hohes und stabiles Einkommen verfügen, welches auch in der Zukunft absehbar ist. Einkommen aus Festanstellung mit unbefristetem Vertrag wird hier bevorzugt.
  • Positive Schufa-Auskunft: Negative Einträge in der Schufa-Auskunft führen meist zu einer sofortigen Ablehnung des Darlehensantrags. Die Bonität muss einwandfrei sein.
  • Sichere Arbeitsverhältnisse: Eine lange Betriebszugehörigkeit im aktuellen Berufsfeld oder eine Tätigkeit im öffentlichen Dienst werden oft positiv bewertet, da sie für Einkommensstabilität sprechen.
  • Geringe oder keine weiteren Schulden: Bestehende Kreditverbindlichkeiten reduzieren die maximale Darlehenssumme und die Chancen auf eine Vollfinanzierung. Eine schuldenfreie Historie ist von Vorteil.
  • Ausreichende Rücklagen: Auch wenn kein Eigenkapital für den Kauf selbst aufgebracht werden muss, sind Rücklagen für unvorhergesehene Reparaturen oder größere Instandhaltungen der Immobilie von Vorteil. Dies signalisiert der Bank finanzielle Vorsorge.

Vorteile und Nachteile der Vollfinanzierung

Eine Vollfinanzierung bietet sowohl Chancen als auch Risiken. Es ist entscheidend, diese sorgfältig abzuwägen, bevor man sich für diesen Weg entscheidet. Für manche Menschen ist es die einzige Möglichkeit, den Traum vom Eigenheim zu realisieren, während sie für andere finanzielle Fallstricke bereithalten kann.

Beginnen wir mit den Vorteilen. Der größte Vorteil ist natürlich, dass man auch ohne angespartes Eigenkapital Immobilieneigentümer werden kann. Dies ermöglicht es Personen, die noch nicht lange im Berufsleben stehen oder aus anderen Gründen keine großen Ersparnisse anlegen konnten, früher über eine eigene Immobilie zu verfügen. In Zeiten steigender Mieten kann dies auch eine langfristige Absicherung gegen Mieterhöhungen darstellen und über die Zeit Vermögen aufbauen. Die Raten sind planbar und im Gegensatz zur Miete zahlt man in das eigene Vermögen ein.

Die Nachteile sind jedoch gravierend und sollten nicht unterschätzt werden. Das größte Manko sind die in der Regel deutlich höheren Zinsen, die Banken für eine Vollfinanzierung verlangen. Da das Risiko für die Bank höher ist, spiegelt sich dies in einem Zinsaufschlag wider. Dies führt zu einer insgesamt höheren monatlichen Belastung und einer wesentlich längeren Tilgungsdauer. Zudem ist die mögliche Darlehenssumme für den Kreditnehmer oft geringer, da das gesamte Einkommen für die Deckung der höheren Raten herangezogen werden muss. Das geringere Eigenkapital im Verhältnis zum Wert der Immobilie bedeutet auch, dass der sogenannte Beleihungsauslauf sehr hoch ist. Dies ist ein wichtiger Faktor für die Banken bei der Risikobewertung.

  • Vorteile:
  • Ermöglicht Hauskauf ohne große Eigenkapitalansammlung.
  • Möglicher Einstieg in den Immobilienmarkt bei steigenden Preisen.
  • Langfristige Absicherung gegen steigende Mieten.
  • Vermögensaufbau durch Eigentum.
  • Nachteile:
  • Deutlich höhere Zinsen im Vergleich zu Finanzierungen mit Eigenkapital.
  • Höhere monatliche Belastung und längere Tilgungsdauer.
  • Geringere mögliche Darlehenssumme aufgrund höherer monatlicher Raten.
  • Höheres Risiko bei Wertverlust der Immobilie oder Einkommenseinbußen.
  • Weniger Verhandlungsspielraum bei Darlehensverträgen.

Alternative Strategien und Finanzierungsformen

Wenn eine klassische Vollfinanzierung nicht in Frage kommt oder Sie die damit verbundenen Risiken minimieren möchten, gibt es alternative Strategien und Finanzierungsformen, die geprüft werden sollten. Diese können dazu beitragen, den Eigenkapitalanteil zu erhöhen oder die Gesamtkosten zu senken und somit die Chancen auf eine Finanzierungszusage zu verbessern.

Eine Möglichkeit ist die Nutzung von staatlichen Förderprogrammen. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bietet verschiedene Förderdarlehen an, insbesondere für energieeffizientes Bauen oder Sanieren. Diese Darlehen sind oft zinsgünstiger als reguläre Bankkredite und können einen Teil der Finanzierung abdecken, wodurch der Bedarf an einem klassischen Bankdarlehen sinkt. Auch für Familien und junge Menschen gibt es unter Umständen spezielle Förderungen auf Landesebene. Es lohnt sich immer, sich über aktuelle Förderprogramme zu informieren.

Eine weitere Strategie ist das Zwischenschalten eines Bausparvertrages. Auch wenn die Zinsen für Bausparverträge aktuell nicht immer attraktiv erscheinen, kann ein zuteilungsreifer Bausparvertrag als Eigenkapitalersatz bei der Bank fungieren und somit die Konditionen für das Hauptdarlehen verbessern. Die Kombination aus Bausparvertrag und Bankdarlehen kann eine Hybridlösung darstellen.

Des Weiteren ist es denkbar, nicht sofort die "Wunschimmobilie" zu erwerben, sondern mit einer kleineren, günstigeren Immobilie zu starten. Diese kann dann nach einigen Jahren mit Wertsteigerung und bereits abgeleisteten Tilgungen als Eigenkapital für eine größere Immobilie dienen. Auch die Unterstützung durch die Familie, beispielsweise durch ein zinsgünstiges Darlehen oder eine Bürgschaft, kann eine Option sein, um den Eigenkapitalanteil zu erhöhen und somit bessere Konditionen bei der Bank zu erzielen.

  • Staatliche Förderprogramme (z.B. KfW, Landesbanken) nutzen.
  • Bausparvertrag als Eigenkapitalersatz einsetzen.
  • Kleine, günstigere Immobilie als Einstieg erwerben und später aufwerten.
  • Familienkredite oder Bürgschaften in Betracht ziehen.
  • Immobilie mit Option "Mietkauf" prüfen (selten, aber möglich).
  • Kaufnebenkosten reduzieren (z.B. durch privates Anmieten ohne Makler).

Risikobetrachtung und Absicherung

Eine Vollfinanzierung birgt höhere Risiken als eine Finanzierung mit hohem Eigenkapitalanteil. Diese Risiken müssen realistisch eingeschätzt und nach Möglichkeit abgesichert werden. Wer sich für diesen Finanzierungsweg entscheidet, sollte über eine hohe Risikobereitschaft und finanzielle Resilienz verfügen.

Das größte Risiko ist der mögliche Wertverlust der Immobilie. Sollten die Immobilienpreise fallen, kann es passieren, dass der Darlehensbetrag den realen Wert der Immobilie übersteigt. Im Falle eines Verkaufs müsste dann der Differenzbetrag aus eigener Tasche bezahlt werden. Ein weiteres gravierendes Risiko ist der Verlust des Einkommens, beispielsweise durch Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Berufsunfähigkeit. Ohne ein stabiles Einkommen kann die monatliche Rate nicht mehr bedient werden, was im schlimmsten Fall zur Zwangsversteigerung der Immobilie führen kann.

Um diesen Risiken zu begegnen, sind entsprechende Absicherungen essenziell. Eine Risikolebensversicherung schützt die Hinterbliebenen im Todesfall des Hauptverdieners und stellt sicher, dass die Darlehensraten weiterhin bedient werden können. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung sichert das Einkommen ab, sollte man seinen Beruf nicht mehr ausüben können. Eine Arbeitslosenversicherung oder die Bildung von ausreichenden finanziellen Rücklagen kann eine kurzfristige Einkommenslücke überbrücken. Es ist ratsam, einen Notgroschen von mindestens drei bis sechs Monatsausgaben auf einem separaten Konto zu halten, auch wenn man keine Notwendigkeit für Eigenkapital beim Kauf hat.

Prozess und Ablauf einer Vollfinanzierung

Der Ablauf einer Vollfinanzierung unterscheidet sich im Grundsatz nicht wesentlich von einer klassischen Immobilienfinanzierung, jedoch sind die Prüfschritte der Banken in der Regel intensiver und detailreicher. Der Prozess beginnt mit einer umfassenden Beratung bei verschiedenen Finanzinstituten oder unabhängigen Finanzierungsberatern. Hier werden die persönlichen Voraussetzungen, Einkommensverhältnisse und die gewünschte Immobilie detailliert besprochen.

Nachdem ein potenzielles Finanzierungsangebot eingeholt wurde, folgt die eigentliche Antragsstellung. Hierbei müssen zahlreiche Unterlagen eingereicht werden, die Ihre Bonität und die Werthaltigkeit der Immobilie belegen. Dazu gehören in der Regel Gehaltsnachweise der letzten Monate, Einkommensteuerbescheide, eine Schufa-Auskunft, Informationen über bestehende Kredite, sowie alle relevanten Unterlagen zur Immobilie (Exposé, Grundbuchauszug, Energieausweis, Baupläne, etc.). Die Bank wird anschließend eine umfassende Prüfung der Unterlagen vornehmen und oft ein internes oder externes Wertgutachten in Auftrag geben, um den Beleihungswert der Immobilie zu ermitteln. Basierend darauf wird dann über die Kreditvergabe entschieden.

Fazit

Ein Hauskauf ohne Eigenkapital ist in Deutschland grundsätzlich möglich, erfordert jedoch eine exzellente Bonität, ein stabiles Einkommen und die Bereitschaft, höhere Zinskosten sowie Risiken in Kauf zu nehmen. Es ist keine Standardlösung und sollte nur nach sorgfältiger Abwägung aller Vor- und Nachteile sowie einer umfassenden Beratung in Betracht gezogen werden. Wer diesen Weg wählt, sollte sich der Notwendigkeit einer umfassenden Absicherung gegen unvorhergesehene Ereignisse bewusst sein. Letztendlich kann eine Vollfinanzierung für die richtige Person im richtigen Moment die Tür zum Eigenheim öffnen, ist aber kein Allheilmittel. Eine realistische Einschätzung der eigenen finanziellen Situation und eine durchdachte Planung sind dabei unerlässlich.